11. Wiener Symposium

Freitag, 31.8:

Makro- und Mikroebene der Körperresonanz in der Psychotherapie, präsentiert von Miriam Anders

Makro- und Mikroebene der Körperresonanz in der Psychotherapie Zur Schulung introspektiver Beobachtungs- und Analyseprozesse können die in der Buddhistischen Philosophie und Tibetischen Medizin vermittelten Trainingstechniken, prozessbeschreibenden Modelle und Theorien wertvolle Beiträge leisten. Bereits bei der Untersuchung der Durchführung einfacher Techniken der Atemfokussierung und -regulation zeigten sich eine Vertiefung der Gefühlsreflexion nach einem Monat durchschnittlich zehnminütigem Training (Attersee Anders, 2016) und Veränderung des Selbstbezugs (Attersee Anders 2017). Während durch diese tägliche Anwendung der Trainingstechniken der Aufmerksamkeitsfokussierung (T1), Wertungsfreien Beobachtung (T2), des Lösens des Greifens nach Gedankenketten (T3) und Lösens des Greifens nach Emotionen (T4) (Attersee Anders, 2016) bei gleichzeitigem Erlernen von innerem Perspektivenwechsel signifikante Verbesserungen der Klarheit, gedanklichen und emotionalen Distanzierung und Gefühlsreflexion (Attersee Anders, 2016) entwickelt werden konnten, wurden bei deren Integration eine Veränderung der Perspektive wie auch Vertiefung der Wahrnehmung beschrieben (Attersee Anders, 2017). Im Laufe eines sechsmonatigen Trainings wurden einige auch in psychotherapeutischen Prozessen einsetzbare Essentielle Aspekte deutlich – bezeichnet als Selbstbezug, Zu-sich selbst-Zurückkommen, als Bei-Sich-Bleiben, Selbstsicherheit und innerhalb der emotionalen und kognitiven Regulation als Kontrolle von Gedankenkreisen, Emotionsregulation sowie auch als Körperverständnis und Selbstanalyse. Das Körperverständnis kann dabei als eine Grundlage für die Entwicklung der Fähigkeit der Analyse von Übertragungs- und Gegenübertragungsprozessen gewertet werden. Über die Prozessierung der Wahrnehmung eigener Befindlichkeit und der Befindlichkeit des Gegenübers in therapeutischen Prozessen mittels des Spiegelneuronsystems kann daher die Körperresonanz auf einer Mikroebene genutzt wie auch von Perspektivenänderungsmöglichkeit und Wahrnehmungsvertiefung ergänzt werden. Daher kann durch solche Nutzung von Körperresonanz in der Psychotherapie die therapeutische Beziehung selbst zu einem Instrument zur Modulation von geprägten Bindungsmustern und Beziehungserfahrung werden.

Forciertes Atmen in der Psychotherapie, präsentiert von Pohler Gerald

Forciertes Atmen und Hyperventilation sind seit Reich (1972,1973) Bestandteil von Körper(psycho)therapien. Holotropes Atmen (Grof ,1988; Watjen, 2014) und Rebirthing (Orr und Ray, 1977; Jones, 1983) nützt ebenso forcierte Atmung, wie „neoreichianische“ Körpertherapien (Lowen, 1975; Baker, 1976; Petzold, 1977; Janov, 1996; Zimbroff und Hartmann,1999). Physiologische Untersuchungen zum forcierten Atmen sind aus dem Bereich dieser Körpertherapien weitgehend unbekannt. Cervantes und Puente (2014) fanden bei einer Untersuchung zum Holorenic Breathwork, forciertes Atmen ist dort ein wichtiger Therapiebaustein, eine Vergrösserung der HRV, sowie eine Reduktion von Angstwerten. Auch in der Verhaltenstherapie, insbesondere der Therapie von Angststörungen, (Teegen, 1985; Clark und Salkovsky, 1985; Clark, Salvovskys und Chalkley, 1986; Bass und Lelliott, 1989; Margraf, Göbel, und Schneider,1990; Margraf und Schneider, 1996) wurde forciertes Atmen unterschiedlich genützt, aber nicht als selbstständiger Therapiebaustein physiologisch untersucht. In einer eigenene Untersuchung ( Nonn und Pohler) untersuchten wir Atemzentrierte Entspannung bei 20 Probanden mittels 2 Fragebögen, sowie Messung der HRV und der Hautleitfähigkeit. Die Auswertung der so erhobenen Daten zeigte signifikante Ergebnisse bei Fragebögen und HRV Messung, die einer Entspannung und eines verbesserten Wohlbefindens entsprechen.

Der Körper der Therapeutin als Diagnoseinstrument und die chinesische Körpertechnik des „gereinigten Herzens“, präsentiert von Christine Korischek

Inspiriert von den Überlegungen des französischen Soziologen Marcel Mauss zu den „Techniken des Körpers“ wird im Referat über das Thema der Körper der Therapeutin als Diagnoseinstrument nachgedacht. In der Psychotherapie dient unter anderem die Gegenübertragung der Therapeutin, die sich auch in körperlichen Symptomen ausdrücken kann, als Weg zum Verstehen des individuellen Leidens der Patientin. Diese Fähigkeit der Wahrnehmung und die vertiefte Sensibilität trainiert die Therapeutin im Laufe der eigenen Lehrtherapie und im Besonderen in der eigenen Praxis. Mit einem Blick in den Kontext des chinesischen Qigong soll ein zusätzlicher Zugang zum Thema eröffnet werden. Die chinesischen Körpertechniken des Qigong umfassen eine Vielzahl an Kombinationen von Körperhaltungen bzw. Bewegungsformen, Atmung und Vorstellung. Diese werden in Kategorien wie daoistische, buddhistische und medizinische Schulen eingeteilt oder sind Teil des Trainings in der Kampfkunst. Im Referat wird eine Methode des Chanmi Qigong, einer der buddhistischen Qigong Richtungen zugeordnete Schule, vorgestellt. Die Methode des Tuna Qifa ermöglicht der Praktizierenden zunächst zur Regulierung der eigenen Gesundheit „altes“, „verbrauchtes“ Qi „auszuspucken“ und „neues“ aufzunehmen. Mit einer weiteren Spezifizierung dieser Methode, welche Methode des „Waschens des Herzens“ (Xixin Fa) genannt wird, kann die Praktizierende trainieren wie die Qi-Qualität einer Pflanze wahrgenommen und in späterer Folge der Zustand einer Patientin nach den Kriterien der chinesischen Medizin diagnostiziert werden kann. Mit dem Referat soll ein Versuch unternommen werden, diese Anweisungen aus dem Fundus der chinesischen Körpertechniken als Inspiration in die Diskussion und Praxis zu Körper und relationale Psychotherapie einzubringen.

 Christine Korischek: Studium der Sinologie an der Uni Wien, Doktorats Studium an der SFU, Mitarbeiterin am Institut für transkulturelle und historische Forschung an der SFU

Samstag, 1.9:

Die Rolle der Körper in der intersubjektiven psychoanalytischen Arbeit, präsentiert von Louisa Abramov

Dieser Forschungsdialog beschäftigt sich mit der Rolle des Körpers als Manager, der contained, spiegelt, kommuniziert, transformiert, sich wehrt und Verantwortung übernimmt. Hierbei taucht die Frage auf inwieweit das Körpererleben und das Körperverständnis sowie gewisse Abläufe im Körper des Patienten einerseits, aber auch das Erleben und die Abläufe des Therapeuten andererseits Einblick in das Unbewusste des Patienten geben. 

Im Hinblick auf den Patienten gibt sein Umgang mit dem Körper, seine subjektive Verbindung zwischen Körper, Geist und Psyche, sein Körpererleben und seine Körperwahrnehmung beispielsweise Aufschluss über: eingespeicherte unbewusste Copingstrategien, Fixierungen auf bestimmte Entwicklungsstadien, strukturelle Reife, gewisse Abwehrmechanismen und den Modus der Verarbeitung. Diese These soll mithilfe von kurzen Auszügen aus Fallbeispielen und theoretischen Aspekten untermauert werden. 
Den Therapeuten betreffend gibt dessen Gegenübertragungsreaktion wie in etwa plötzlichen Schweißausbrüche in den Sitzungen, Atemnot oder extreme Müdigkeit u.a. Hinweise auf: einverleibte Objekte, unverarbeitete Traumata, unausgesprochene Symptome oder unbewusste Konflikte. 
Auch diese These soll mit kurzen Auszügen aus Fallbeispielen und theoretischen Aspekten untermauert werden.

Die Berücksichtigung der erotischen und sexuellen (Gegen)- Übertragung in der individualpsychologischen Ausbildung an der Sigmund-Freud-PrivatUniversität Wien, präsentiert von Julia Karaian

Nach Abschluss des individualpsychologischen Fachspezifikums hatte die Autorin einerseits das Gefühl nicht genügend auf die erotische und sexuelle Übertragung/Gegenübertragung, die Verliebtheit im Therapiesetting und deren Umgang damit vorbereitet worden zu sein und andererseits dass diese Themen nicht in der gewünschten Tiefe in der Ausbildung behandelt worden sind.

Ob diese Wahrnehmung mit AbsolventInnen und PsychotherapeutInnen i.A.u.S. der Individualpsychologie an der Sigmund Freud Universität geteilt wird oder nur der subjektiven Wahrnehmung der Autorin zugrunde lag, galt es in ihrer Abschlussarbeit herauszufinden. Das konkrete Ziel der Forschung lässt sich auf die Beantwortung folgender Forschungsfrage zuspitzen: Wird man als angehender Therapeut bzw. angehende Therapeutin im Zuge der individualpsychologischen fachspezifischen Ausbildung auf die erotische und sexuelle Übertragung/Gegenübertragung und deren Handhabung vorbereitet? Mittels Fragebogen sowie Lehrbuch- und Lehrplananalyse wurde der Forschungsfrage auf den Grund gegangen.

After having finished her University studies in individual psychology, the author still felt unprepared for the erotic and sexual transference/countertransference between her and her patients nor had she any idea how to deal with them. She furthermore felt the importance of these topics to be handled in the desired depth within the individual psychological training.

Based on these findings, the author tried to find out in her thesis, whether her perception was shared with graduates and psychotherapists i.A.u.S. of the individual psychology at the Sigmund Freud University or based only on her subjective perception. Therefore, the specific aim of the research can be put into the following research question: In the process of individual psychology-specific training do prospective therapists get prepared for erotic and sexual transmission/countertransference and the handling of it? 

The research question was examined in a questionnaire as well as in textbook and curriculum analysis.

Spurensuche nach dem Körper in der Psychotherapie, präsentiert von Birgitta Schiller

Diese Fragen möchten wir, das Institut für qualitative Psychotherapieforschung der SFU, offen in den Raum stellen. Die Beschäftigung mit der Frage nach dem Körper und dem Körperlichen in der Therapie hat damit begonnen, dass wir bemerkt haben, dass das Credo „Es gibt keinen Körper ohne Seele“, so scheint es zumindest, in unserer Gesellschaft angekommen ist.

In diesem Sinne könnte man nun der Frage nachgehen ob und wie  Psychotherapeuten auf der anderen Seite den Körper in den psychotherapeutischen Prozess miteinbeziehen.

So sind Umstände wie der Schlafrhythmus, Ernährung, Sexualität, sportliche Betätigungen, Medikation, hormoneller Status, chronische Erkrankungen, physische Schmerzen wichtige Aspekte für das psychische Wohlbefinden. Obgleich in Lehrbüchern natürlich als wichtiger Aspekt in der Diagnostik beschrieben, gehen wir der Hypothese nach, ob Fragen nach dem Körper, Miteinbeziehung des Körpers in Interventionen und Beobachtung von körperlichen Veränderungen im Prozess explizit verortet werden.

Seitens der Medizin werden Soma-Psyche Interaktionen mittlerweile mit-gedacht, so zum Beispiel im Spezialgebiet der Psychoneuroimmunologie. Dort werden spezifische Biomarker und das psychische Befinden anhand von engmaschigen interdisziplinären Untersuchungen korreliert. Auf der Seite der Psychotherapiewissenschaft beschäftigt die Wechselwirkung von körperlichen Komponenten und psychotherapeutischer Therapieplanung: Was passiert in der Menopause; wie ist das Körpererleben bei Computerspielsüchtigen; gibt es Psyche-Soma Konzepte aus anderen Disziplinen (z.B. Yoga) die für die Psychotherapiewissenschaft nutzbar sind; wieviel Körperwissen benötigt es in der Ausbildung zum Therapeuten; welche Konstrukte gibt es um den „weiblichen“, „männlichen“ Körper und wie denken und empfinden wir unsere Körperlichkeit; können wir in der Therapie den trennenden Dualismus überwinden und kann durch den Holismus die therapeutische Beziehung erklärt werden, wie wirken sich kulturelle „körperliche“ Aspekte in der Therapie aus; was liegt hinter dem Embodiment und dem Mindfulness-Trend; und gibt es bereits bei klassischen Autoren wie Adler oder Alexander Ansätze, die sich in der modernen Psychoneuroimmunologie weiter-denken lassen?

Das Forschungsteam des Instituts für qualitative Psychotherapieforschung kooperiert mit dem Institut für Psychosomatik der SFU PTW und MED und befindet sich in der Vorbereitungsphase einer klinischen Ambulanzstudie. Es würde uns sehr freuen, mit Ihnen mögliche Ansätze zur klinischen Forschung zu diskutieren.

Birgitta Schiller, Ivana Dragic, Himanshu Giri, Elitsa Tilkidzhieva, Isabella Wagner, Eva Wimmer, Kathrin Mörtl

Sonntag, 2.9:

KÖRPERSELBSTERFAHRUNG – Erfahrungen von tiefenpsychologisch fundierten Therapeutinnen in Auseinandersetzung mit Ihren Körpern.

Auswirkungen auf die Praxis und mögliche Implikationen für die Psychotherapieausbildung. Präsentiert von Winnie Posselt und Gudrun Salamon

Ursula Demonti, Felix Fiebinger, Vanessa Freitag, Daniel Geißler, Julia Grasl, Julia Karaian, Stefanie Ladurner, Thomas Leitner, Anita Mold, Elisabeth Pachler, Julia Plecko, Winnie Posselt, Gudrun Salamon, Birgitta Schiller, Luisa Schubert, Petra Waigner