11. Wiener Symposium

Zum Thema der Tagung: der Körper in der relationalen Psychotherapie

 

„Psychoanalyse bzw. Individualpsychologie in ihrer relationalen Version zu betreiben, bedeutet im vollen Bewusstsein der gegenseitigen Verwiesenheit und Bezogenheit von TherapeutIn und KlientIn (im Sinne eines „therapeutischen Teams“) das Entstehen und Entwickeln gemeinsamer Lebensbewegungen und Narrative dafür zu nutzen, dieses Zusammenspiel (und damit sowohl den „Anderen“ als auch sich selbst) immer tiefer zu ergründen. Dadurch werden positive Veränderungen und Entwicklungen auf beiden Seiten ermöglicht. Übertragung und die antwortende Gegenübertragung sind dabei keine reinen Schöpfungen der PatientInnen, sondern gemeinsam gestaltete, kokreierte Beziehungsäußerungen, in welche die gesamte Persönlichkeit, alle Konflikte und Abwehrmuster sowohl der KlientInnen als auch der TherapeutInnen einfließen. Relationale Psychotherapie erfolgt dadurch trotz der klaren Rollenverteilung „auf Augenhöhe“. Damit PatientInnen ihre therapierelevanten Lebensthemen in ihrer vollen affektiven Dimension entfalten können, bedarf es TherapeutInnen, die sich auf den gemeinsam gestalteten Dialog, der auf basaler Ebene ein körperlicher ist, einlassen. Dabei übernehmen vor allem die TherapeutInnen eine „Vorbildrolle“, indem sie durch ihre bedingungslose Bereitschaft, sich als gesamte Persönlichkeit einzubringen und sich damit dem therapeutischen Prozess rückhaltlos zur Verfügung zu stellen, „vorangehen“ und durch diese „Hingabe“ den KlientInnen vielfältige korrektive Erfahrungen ermöglichen.“

 

Vom Aufdecken zum Entdecken

 

Nach der Theorie des Leibes bzw. „embodied mind“ erzeugt Erleben subjektive Bedeutung in verkörperter Interaktion. Die Säuglingsforschung zeigt uns, dass sich das Gefühl von Selbstsein in der Bezogenheit auf die wichtigen Anderen entwickelt, die dem eigenen inneren, intersubjektiven und körperlichen Erleben Bedeutung verleihen – im Prozess der gemeinsam gelebten Erfahrung. Das erlebende und das handelnde Subjekt stehen im Zentrum der Überlegung.

 

Jede Behandlung ist eine körperliche Begegnung, die eine wechselseitige körperliche Erfahrung u.a. über Mimik, Gestik, Bewegung, Haltung und Geruch und Gehör/Stimme? einschließt. Ständig sind, meist im Hintergrund, sowohl bei Patientin als auch Therapeutin vielfältige nonverbale Prozesse wirksam und regulieren das Beziehungsgeschehen unentwegt, meist auf der Mikroebene der Interaktion.

 

Die spezifische körperpsy­chotherapeutische Perspektive besteht darin, sich für die im Körper gespürten Erfahrungen (Körperwahrnehmungen, Atmung, Verhalten) zu öffnen. Es ist dies eine Bereicherung in der analytisch-therapeutischen Arbeit, die dem Aufdecken und kognitiven Verstehen psychodynamisch relevanter Zusammenhänge die Dimension des unmittelbaren Entdeckens körperlicher Empfin­dungen und Impulse im Hier und Jetzt der therapeutischen Situation hinzufügt („präsentisches Verstehen“).

 

In diesem körpernahen Prozess der Aneignung oder Wiederaneignung nicht gelebter, un­bekannter, unentdeckter Teile des Selbst in einer Beziehung folgen wir der Idee, dass therapeutische Veränderung über neue, emotional bedeutsame Erfahrun­gen erfolgt. Basales Prinzip ist die wahrneh­mende und spürende Selbstaneignung im Gewahrsein der Ge­genwart innerhalb der therapeutischen Beziehung.

 

Betrachtet man die PatientInnen als „TherapiepartnerInnen“ und die TherapeutInnen als Mitspieler, und bezieht man das Miteinander-Handeln im interaktionellen Feld systematisch in die analytische Arbeit ein, dann erweitert sich auf diese Weise die analytische Deutungsarbeit um das Entdecken gemeinsam konstruierter „Szenen“ in all ihren Dimensionen – auch der körperlichen. Der Zugang in diese komplexe Gestalt soll auf diesem Symposium, durch Vorträge, Workshops und Diskussionen, gemeinsam erarbeitet werden.